Chinas Milchimporte gehen erstmals seit 15 Jahren zurück - Baltische Exporte betroffen?

In den vergangen Jahren schienen die chinesischen Importe an Flüssigmilch nur eine Richtung zu kennen, nämlich nach oben. Dies scheint nun beendet zu sein!

L-infis/Beijing (GTAI) - Chinas Einfuhr von Milch hat sich in den vergangenen Jahren rasant erhöht. Neuerdings kaufen Chinesen erstmals weniger ausländische Trinkmilch - drei Hauptgründe sind für diese Trendwende verantwortlich.

In den vergangen Jahren schienen die chinesischen Importe an Flüssigmilch nur eine Richtung zu kennen, nämlich nach oben. Auch in den ersten neun Monaten 2018 sah es noch so aus, als würde sich der Trend zwar verlangsamen, aber positiv bleiben. Doch nach den jüngsten, noch nicht vollständig veröffentlichten Zahlen des chinesischen Instituts für die Milchindustrie bezog China in den ersten elf Monaten 2018 lediglich noch 630.000 Tonnen "flüssige" Milchprodukte (einschließlich Joghurt) aus dem Ausland: 0,5 Prozent weniger als in der entsprechenden Periode des Vorjahres - und damit das erste Minus in diesem Segment seit 15 Jahren.

 

Seit einiger Zeit bemühen sich auch die baltischen Staaten um Milchexporte nach China. Besonders Litauen hatte hier in den letzten Monaten große Anstrengungen unternommen, um Agrarprodukte in China platzieren zu können! Inwieweit die baltischen Staaten von den chinesischen Importrückgängen betroffen sind, wird sich sehr bald zeigen!

 

Drei Hauptgründe für die Trendwende

Drei entscheidende Faktoren sind für den Rückgang verantwortlich: Erstens sind die Preise von Importmilch spürbar gestiegen: von 2015 durchschnittlich 1.009 US-Dollar (US$) pro Tonne auf 2018 rund 1.366 US$ pro Tonne. Zweitens konnte die chinesische Milchindustrie aufholen und drittens haben chinesische Verbraucher ihre Vorliebe für ultrahocherhitzte (UHT-) Milch hin zu Frischmilchprodukten und Milchprodukten verändert. Diese werden bei niedrigerer Temperatur haltbar gemacht.

Insbesondere der zuletzt genannte Trend dürfte sich künftig verstärken. Denn je geringer die Haltbarkeit, desto größer der Vorteil lokal ansässiger Produzenten. Betroffen sind auch deutsche Lieferungen. Sie hielten in den ersten elf Monaten 2018 nach Neuseeland (32,7 Prozent) mit 27,5 Prozent den zweitgrößten Marktanteil - aber gingen um circa 3 Prozent auf knapp 170.000 Tonnen zurück.

Dagegen liefen die Geschäfte der lokalen Molkereien umso besser. In den ersten neun Monaten 2018 stieg ihr Umsatz laut dem Institut für die Milchindustrie um 10,5 Prozent auf 253,2 Milliarden Renminbi (RMB; umgerechnet circa 38,3 Milliarden US$; 1 US$ = 6,6114 RMB, Jahresdurchschnitt 2018). Die Gewinne der lokalen Molkereien erhöhten sich um 8,2 Prozent auf 18,3 Milliarden RMB. Das sind umgerechnet 2,8 Milliarden US$.

Nach Li Shengli, Professor an der China Agricultural University, können die führenden chinesischen Firmen Yili und Mengniu ihre Verkäufe in den nächsten fünf Jahren um jeweils 30 Milliarden RMB auf rund 50 Milliarden RMB (umgerechnet 7,6 Milliarden US$) hochfahren - und so zu den fünf größten globalen Playern avancieren.

Milchkonsum pro Kopf noch steigerungsfähig

Insgesamt lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Milcherzeugnissen in China 2018 bei rund 36 Kilogramm. Während die Menschen in den weniger entwickelten Städten den Milchkonsum erst noch für sich entdecken, durchläuft er in den Städten der ersten Reihe bereits einen strukturellen Wandel hin zu hochwertiger Trinkmilch, Joghurt und auch Käse, so die Einschätzung Zhang Liebings, Professor an der China Agricultural University.

Nach dem im Dezember 2018 veröffentlichten "New Horizont 2023"-Bericht des Sino-Dutch Dairy Development Centers wird sich der Verbrauch von Milcherzeugnissen bis 2023 auf 40 Kilogramm pro Kopf und pro Jahr erhöhen. Dabei sollen die Verkäufe von Joghurt und "organisch hergestellter" Milch jeweils über 10 Prozent steigen. In Deutschland lag der Pro-Kopf-Verbrauch von Trinkmilch 2017 bei 51,5 Kilogramm.

Bei Käse erwartet das Sino-Dutch Dairy Development Center sogar einen jährlichen Zuwachs um 20 Prozent auf dann 0,23 Kilogramm im Jahr. Hintergrund ist, dass sich in der öffentlichen Meinung die Ansicht durchgesetzt hat, Käse sei gesünder als Milch, da er aufs Gewicht berechnet mehr Calcium enthalte. Allerdings führt dies nicht zwangsläufig, wie die Einfuhrzahlen belegen, zu einer erhöhten Einfuhr von Brie oder anderen zum direkten Verzehr gedachten Käsesorten. Gefragt sind eher Käse für gewerbliche Anwendungen, wie sie etwa in Milchtees und -kaffees sowie auf Pizzas oder in Hamburgern benötigt werden.

Chinesen mögen Kaffee mit "Käsehaube"

Tatsächlich bevorzugen chinesische Konsumenten im weltweit größten Wachstumsmarkt für Kaffee süße oder milchige Varianten. Dabei sind sie auch offen gegenüber aus westlicher Sicht eher "schrägen" Mischungen. Ganz groß im Trend sind neuerdings beispielsweise solche mit Käse oder Käsegeschmack. Entsprechend hat aktuell jede große Kaffeekette einen Caffè Latte mit "calciumhaltiger" Käsecreme im Angebot, Marktführer Starbucks zum Beispiel den "Snowy Cheese Flavoured Latte" zu 37 RMB für einen 354-Milliliter-Becher, umgerechnet rund 5,6 US$.

Mit Käse aufgeschäumter Tee ist indessen schon länger das Markenzeichen der chinesischen Teekette Heaytea. Sie ist nach den Taiwanern Yi Dian Dian die Nummer zwei im Markt. Sogenannte Milch- oder Bubble-Tees sind vor allem bei den Jüngeren populär.

Babypulver dürfte künftig vor allem in den weniger entwickelten Städten gut gefragt sein. Vor allem Städte jenseits der zweiten Reihe haben einen hohen Nachholbedarf. In China werden Städte gemessen an ihrer Größe und ihrem wirtschaftlichen Entwicklungsstand in Reihen eingeteilt, allerdings ohne offizielle Definition. Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou zählen allgemeinhin zur ersten Reihe.

Hinzu kommt der wachsende Wunsch nach besonders "nährenden" und "gesunden" Nahrungsmitteln für alte Menschen sowie für Sportler. Ferner finden zunehmend Spezialitäten wie Kamelmilchpulver ihre Kunden. Im Internet ist dies etwa zu 538 RMB für 300 Gramm zu haben. Es stammt in der Regel aus Spezialmolkereien in der Inneren Mongolei oder Xinjiang. (G.S.)

Weitere Informationen von GTAI gibt es HIER

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